«Die Kritik fällt auf den Absender zurück»
Quelle: TagesAnzeiger, 27. Dezember 2005
Mit Philip Robinson sprach Annetta Bundi
Die Schweiz gerät wegen ihrer tiefen Steuern international oft unter Beschuss. Dabei gibt auch das ominöse Transfer
Pricing zu reden. Zu Unrecht, sagt Philip Robinson von Ernst & Young.
Im internationalen Standortwettbewerb ist meistens fast nur von den Steuern die Rede: Erstaunt Sie das?
Steuern sind ein wichtiger Faktor, aber es gibt viele andere Aspekte, die ebenfalls eine Rolle spielen. Das zeigt sich in
wirtschaftlich grossen Ländern wie Deutschland oder Grossbritannien, die ja nicht als Steuerparadiese gelten. Dort siedeln sich
jedes Jahr neue Firmen an - sei es, weil sie dort präsent sein wollen, oder sei es, weil sie dort qualifiziertes Personal
finden können. Die Steuerbelastung ist nicht so zentral, wie oft angenommen wird. Letztlich kann bei der Standortwahl auch eine
persönliche Präferenz des Konzernchefs den Ausschlag geben: Wenn er nicht zügeln mag, ist das Projekt meist rasch gestorben.
Für Genf sprach einmal der Umstand, dass es dort im Unterschied zu einem konkurrierenden Landkanton einen American Ladys Club gibt.
Ist es denn angezeigt, neue Betriebe mit Steuerrabatten anzulocken, wie es die Freiburger mit Amgen in Galmiz tun?
Für kleinere Volkswirtschaften wie die Schweiz haben solche Massnahmen eine grössere Bedeutung als für die grossen Wirtschaftsmächte.
Daher buhlt ja auch Irland mit tiefen Steuern um die Ansiedlung neuer Unternehmen. Die fiskalische Belastung wird dann zum
entscheidenden Faktor, wenn die konkurrierenden Standorte in allen anderen Bereichen in etwa gleichwertig sind.
Einzelbetriebliche Steuergeschenke wirken aber höchstens kurzfristig: So hat Lego bereits angekündigt, den Standort Willisau
nach Ablauf der mit den Behörden ausgehandelten Schonfrist zu verlassen.
Solche Fälle kann es geben, sie sind aber nicht die Regel. Meistens bleiben die Unternehmen, die während ein paar Jahren von
einer Steuerbefreiung profitierten, nach Ablauf dieser Frist im Land. Im Übrigen wird oft vergessen, dass sich auch Schweizer
Firmen manchmal gezwungen sehen, ihre Produktion ins Ausland zu verlagern.
Wie kompetitiv ist die Schweiz heute denn im internationalen Umfeld?
Bei der Steuerbelastung schneidet sie sowohl bei den Unternehmen als auch bei den natürlichen Personen immer noch gut ab. Aber sie
hat viel von ihrem Vorsprung eingebüsst. Länder wie die Slowakei oder Ungarn holen rasant auf. Heute bieten diese den Unternehmen
fast ebenso gute Konditionen an wie bei uns die Kantone mit den tiefsten Steuersätzen.
Für diese Tiefsteuerpolitik wird die Schweiz von internationalen Gremien immer wieder kritisiert. Haben Sie dafür Verständnis?
Offenbar ist die Angst sehr gross, dass Steuersubstrat aus anderen Ländern zu uns fliessen könnte. Das ist ansatzweise natürlich der
Fall, liegt aber nicht nur an den tiefen Steuersätzen in der Schweiz, sondern auch an den teils sehr hohen Steuersätzen in gewissen
europäischen Ländern. Die Kritik fällt also auf den Absender zurück. Sie ist Ausdruck einer defensiven Haltung, die ich nicht
teile. Ich bin für Steuerwettbewerb.
Selbst mit dem Risiko, von der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) auf die schwarze Liste gesetzt zu
werden?
Das muss nicht sein. Die Schweiz hat in der Vergangenheit immer wieder bewiesen, dass sie gewillt ist, begründete Anliegen zu
prüfen und gegebenenfalls zu erfüllen. So ist die Schweiz bereit, dem Ausland im Rahmen der Amtshilfe Auskunft über die
Holdinggesellschaften zu geben. Sie hat sich verpflichtet, dies in den Doppelbesteuerungsabkommen zu verankern.
Seit ein paar Monaten gehen die EU-Kommission und einzelne EU-Politiker mit der Schweiz hart ins Gericht. Sie werfen ihr
vor, sie verzerre mit tiefen Steuern den Wettbewerb. Überrascht Sie das?
Ja, mit solchen Unterstellungen konnte nicht gerechnet werden. Schliesslich bewegt sich die Schweiz im Rahmen dessen, was
die OECD akzeptiert.
Den Kritikern in der EU stösst vor allem das so genannte Transfer Pricing sauer auf. Worum handelt es sich dabei genau?
Transfer Pricing an sich ist nicht mit steuerlichen Vorteilen verbunden. Denn dabei geht es um die Frage, zu welchen Preisen die
verschiedenen Gesellschaften eines Konzerns Dienstleistungen und Produkte untereinander verrechnen. Die Behörden verlangen heute
weltweit, dass diese Preise marktgerecht angesetzt sind und die Wertschöpfungskette im Unternehmen spiegeln. Dabei spielen so
genannte Prinzipalgesellschaften eine grosse Rolle, denn diese kaufen Rohmaterial ein, lassen dieses verarbeiten und bringen das
fertige Produkt dann in den Verkauf. Sie betreiben also das operative Geschäft und tragen damit innerhalb des Konzerns viel zur
Wertschöpfung bei. Das ist mit hohen Risiken, aber auch mit der Aussicht auf hohe Gewinne verbunden ...
... die sie dann mit Vorteil in einem Land versteuern, wo sich der Fiskus zurückhält.
Genau, hier spielt dann die steuerliche Komponente hinein. Für Prinzipalgesellschaften sind die Schweiz und Irland wegen ihrer
vergleichsweise tiefen Steuern interessant.
Ist das ein neues Phänomen?
Die klare Gliederung von Konzernen in Prinzipalgesellschaften und «Agenten» liegt seit fünf bis zehn Jahren im Trend. Doch dahinter
steht immer die wirtschaftliche Realität: Wird die Prinzipalgesellschaft in die Schweiz verlegt, will ein Konzern damit meistens
seine Tätigkeit in Europa zentralisieren. Die grossen Unternehmen haben kein Interesse daran, irgendetwas zu verstecken. Sie
dokumentieren vielmehr sehr genau, wie ihre Preise zu Stande kommen, damit die Behörden ihr Geschäftskonzept nachvollziehen
und kontrollieren können.
UBS-Chef Peter Wuffli hat kürzlich die Idee lanciert, wonach ausländische Manager, die in der Schweiz wohnen, pauschal
besteuert werden sollen. Was halten Sie davon?
Es lohnt sich sicher, darüber nachzudenken. Etliche Länder, darunter Grossbritannien, Holland, Frankreich oder Spanien, kennen
solche Regeln. Allerdings geht es dabei nicht um eine Pauschalbesteuerung. In Grossbritannien werden ausländische Manager zum
Beispiel auf jenen Einkommensteilen besteuert, diesie auch dort erwirtschaftet haben. Die im Ausland geleistete Arbeit wird
anderswo erfasst. Damit wird das Einkommen zwar voll belastet, aber eben nicht im ganzen Umfang im selben Land. Eine
solche Lösung erschiene mir angemessen. Erträge aus den im Ausland gekauften Aktien oder Dividenden würden dann nicht
in der Schweiz besteuert.
Wo bezahlen Sie eigentlich Ihre Steuern?
Ich wohne in der Stadt Zürich. Rein ökonomisch gesehen gäbe es vorteilhaftere Orte, aber mir gefällt es hier. Zürich bietet
einem sehr viel, damit können Gemeinden auf dem Land nicht mithalten. Dies zeigt: Steuerliche Faktoren sind zwar wichtig, aber
eben nicht alles.