Entrepreneur News November 2009
IFRS für KMU – eine Chance für Unternehmen?
Welche handels- und steuerrechtlichen Abschlüsse brauchen wir in Zukunft?
Eine gemeinsame Finanzsprache für KMU stellt fraglos eine Erleichterung im Kontext von Handel, Finanzierung und Unternehmensübergaben dar.
Wachstumsorientierte Unternehmen benötigen Partner, zu denen sie ein vertrauensvolles Verhältnis pflegen. Transparenz, die massgeblich durch
Finanzkommunikation erreicht wird, bildet die Grundlage für dieses Vertrauen.
Warum den IFRS-Standard für KMU anwenden?
Die definitive IFRS-Norm für KMU (IFRS for SMEs) wurde im Juli 2009 veröffentlicht. Es handelt sich um einen Standard im wahrsten Sinne des Wortes,
auf 230 Seiten dargelegt (3.000 Seiten für die Full-IFRS) und an die Bedürfnisse und Kapazitäten von kleinen und mittleren Unternehmen
angepasst. Ein Grossteil der Regeln in den IFRS wurden vereinfacht: Das betrifft unter anderem die Regeln zur Rechnungslegung und Bewertung
von Aktiva und Passiva, von Erlösen und Kosten. Darüber hinaus wurden für KMU nicht relevante Themen ausgeklammert und die Anzahl der Pflichtangaben um
einiges reduziert. Der wesentlichste Unterschied im Vergleich zu den Full-IFRS ist der Umstand, dass systematisch das Kosten-Nutzen-Verhältnis in
Betracht gezogen wurde. Die diesem Projekt zugrunde liegende Absicht ist, die Anforderungen an die Rechnungslegung zu vereinfachen (im Vergleich
zu den vollständigen IFRS-Standards) und die Kosten sowie Anstrengungen gering zu halten, die zur Erstellung eines Abschlusses für den
allgemeinen Gebrauch notwendig sind.
Eine Überarbeitung der IFRS wird darüber hinaus nur alle drei Jahre vorgenommen, um die Informationsflut in Grenzen zu halten. Die IASC
Stiftung erarbeitet gerade einen pädagogischen Leitfaden, um den KMU bei der Anwendung des IFRS-Standards Unterstützung zu bieten. Die
Stiftung arbeitet ebenfalls mit internationalen Entwicklungsagenturen zusammen mit dem Ziel, regionale Workshops zu organisieren. Diese sollen
dazu dienen, Ausbilder – insbesondere in Entwicklungs- und Schwellenländern – zu schulen, so dass diese in die Lage versetzt werden, den
Leitfaden anzuwenden.
Der vorliegende Standard ist das Ergebnis eines fünfjährigen Projekts, das es sich auf die Fahnen geschrieben hatte, den Bedürfnissen nach
Finanzinformationen kleiner und mittlerer Unternehmen Rechnung zu tragen. Die IASB hat für die Ausarbeitung der IFRS für KMU weltweit umfangreiche
Anhörungen unternommen. Eine Arbeitsgruppe aus 40 KMU-Spezialisten beriet die IASB bezüglich Aufbau und inhaltlicher Gestaltung während
der verschiedenen Schritte der Erarbeitung der Standards. Eine Exposé-Umfrage zu den IFRS für KMU wurde 2007 veröffentlich und in fünf Sprachen
übersetzt, um es den KMU möglich zu machen, die Vorschläge zu kommentieren. Mehr als 50 runde Tische und Seminare wurden veranstaltet, um auf
direktem Wege Kommentare einzuholen. Der Entwurf der IFRS für KMU wurde daraufhin in mehr als 100 Kleinunternehmen in 20 Ländern gestestet. Nach
diesem Probelauf wurden weitere Vereinfachungen in die endgültige Fassung eingearbeitet.
Definition eines KMU – wer sind die Nutzer eines Abschlusses nach IFRS für KMU und welche Ziele werden damit verfolgt?
KMU werden standardmässig als Unternehmen definiert, die nicht öffentlich rechenschaftspflichtig sind und Jahresabschlüsse für externe
Adressaten veröffentlichen. Ein Unternehmen ist öffentlich rechenschaftspflichtig, wenn seine Anleihen oder Eigenkapitalinstrumente öffentlich
gehandelt werden oder wenn es Vermögenswerte als Treuhänder für eine grosse Anzahl von aussenstehenden Dritten hält (z. B. Banken,
Versicherungsunternehmen, Pensionsfonds, Kreditinstitute).
Obgleich sich der Standard an kleine und mittlere Unternehmen richtet, ist kein restriktives Kriterium zur Grösse eines KMU festgelegt worden.
Die Definition eines KMU legt den Anwenderkreis des Standards fest – nur die Unternehmen, die der Definition entsprechen, können den Standard anwenden.
Im Vorwort wird festgelegt, dass die zuständigen Regulierungsbehörden bestimmen, welche Unternehmen den Standard anwenden können. Ein Unternehmen,
das öffentlich rechenschaftspflichtig ist, darf allerdings seinen Abschluss nicht als konform mit den IFRS für KMU bezeichnen, selbst wenn die
nationale Regelung die Anwendung des Standards erlaubt oder vorschreibt.
Jahresabschlüsse sind für den allgemeinen Gebrauch bestimmt und richten sich an diejenigen, die nicht in der Lage sind, Finanzberichte zu
verlangen, die auf ihre speziellen Bedürfnisse abgestimmt sind. Zu diesem Kreis zählen beispielsweise Banken, die KMU finanzieren, und
Lieferanten, die insbesondere Informationen benötigen, um Kredit- und Preisentscheidungen zu treffen. Zu nennen sind auch Ratingagenturen für
die Kreditvergabe, die KMU bewerten, daneben Kunden, die entscheiden müssen, ob sie Geschäfte mit bestimmten KMU tätigen, und schliesslich auch
Aktionäre, die nicht im Management von KMU tätig sind.
Bei den Full-IFRS wurde der Ansatz verfolgt, die Investoren als Hauptadressaten anzusehen (getreu dem Grundsatz: Wenn den Bedürfnissen der
Investoren Rechnung getragen wird, sind damit auch die Bedürfnisse aller anderer Adressaten berücksichtigt). Anders die IFRS für KMU: Sie wenden
sich aufgrund der fehlenden öffentlichen Rechenschaftspflicht der KMU explizit nicht an Investoren.
Der Jahresabschluss eines kleinen oder mittleren Unternehmens soll dazu dienen, Informationen zur Finanzlage, zur Leistung und zum Cashflow zur
Verfügung zu stellen. Angaben über die Höhe der zu versteuernden Einnahmen und der Ausschüttungen bzw. Informationen für Eigentümer, um ihnen
unternehmerische Entscheidungen zu erleichtern, muss er hingegen nicht liefern.
Ein vollständiger Jahresabschluss setzt sich aus folgenden Bestandteilen zusammen: einer Bilanz, einer Gewinn- und Verlustrechnung, einer
Aufstellung über die Veränderung des Eigenkapitals, einer Geldflussrechnung und einem Anhang, der auch die wichtigsten Rechnungslegungsmethoden
und anderen Pflicht informationen beschreibt. Darüber hinaus muss ein Vergleich zum vorangegangenen Geschäftsjahr mitgeliefert werden.
Die Bedürfnisse der Nutzer von Jahresabschlüssen von KMU sind längerfristig angelegt und unterscheiden sich damit von denen der Adressaten
des Jahresabschlusses eines börsennotierten Unternehmens. Es gilt also, die Bewertungskriterien zu privilegieren, die langfristig zur
Valorisierung der KMU beitragen. Bei einem KMU interessiert vor allem die anhaltende Fähigkeit, Gewinne zu erwirtschaften und Verbindlichkeiten
nachzukommen. Der Standard sieht im Prinzip vor, dass Transaktionen nach ihren historischen Kosten bewertet werden. Das Fair-Value-Prinzip ist bei KMU,
im Gegensatz zum historischen Wert, schwierig zu bestimmen. Er muss regelmässig – oft von Dritten – aktualisiert werden, häufig mithilfe von mathematischen
Modellen. KMU verfügen hier in der Regel weder über die notwendigen Ressourcen noch über die spezifischen Kenntnisse.
Auch wenn die Standards nicht auf die steuerliche Bewertung ausgelegt sind, erkennt der IASB sehr wohl das enge Verhältnis zwischen Steuer-
und Buchführungswesen von KMU an. In den Bestimmungen ist festgehalten, dass jede Jurisdiktion Jahressteuerabschlüsse auf Grundlage der
IFRS-Standards für KMU vorsehen kann ebenso wie einen Abgleich zwischen buchhalterischem und steuerlichem Jahresabschluss.
Welche Chancen eröffnen sich durch IFRS für KMU?
KMU verfügen nur über eingeschränkte Mittel, das Risiko einzuschätzen, das mit ihren Geschäftsbeziehungen verbunden ist, und haben in der Regel
auch keine übermässigen Kapazitäten, einer Krise standzuhalten.
Die generelle Umstellung auf die IFRS für KMU gibt den KMU ein leicht zugängliches Instrument zur Bewertung ihrer Schweizer und internationalen
Geschäftspartner an die Hand.
Die Anwendung von internationalen Buchhaltungsregeln ermöglicht ebenfalls einen leichteren Zugang zu Finanzierungsmöglichkeiten.
«Die IFRS für KMU stellen einen wertvollen Bezugsrahmen für Finanzinformationen für kleine Unternehmen dar, einen Rahmen, der an die Grössenordnung
ihres unternehmerischen Handelns und an ihre Eigentümerverhältnisse angepasst ist. Damit dürfte ihnen der Zugang zu Krediten erleichtert werden.»
So äusserte sich am 9. Juli 2009 Fayezul Choudhury, Vizepräsident des Bereichs Unternehmensfinanzen und Risikomanagement der Weltbank.
Diese gemeinsame Sprache führt auch zu mehr Vertrauen im internationalen Handel. Die Kommunikation zwischen Kunden und Lieferanten wird
erleichtert und erlaubt eine Intensivierung der Geschäftsbeziehungen dank des wechselseitigen Verständnisses der zur Verfügung gestellten
Informationen. Im Umkehrschluss könnte das Wachstum der Exportzahlen unserer KMU gehemmt werden, wenn ein gemeinsamer Standard nicht die Regel
ist.
Wenn sich hingegen ein Unternehmen an ein anderes annähern möchte oder einen Käufer sucht, reicht es nicht mehr aus, nur den Schweizer Markt
ins Auge zu fassen. Eine Rechnungslegung nach einem gemeinsamen Standard erleichtert solche Transaktionen.
Oft stellen Unternehmen den Vergleich mit Wettbewerbern an, um ihre Performance einschätzen zu können – das setzt aber die Verfügbarkeit von
vergleichbaren Daten voraus.
Dem IFRS-Standard für KMU wird auch die Entwicklung von XBRL (eXtensible Business Reporting Language) zugutekommen,
die die Kommunikation, die Analyse, die Vergleichbarkeit von Jahresabschlüssen sowie den Austausch von Finanzinformationen vereinfachen soll.
Für Unternehmen eröffnet sich mit XBRL auch die Möglichkeit, beim Reporting Kosten zu sparen und von kürzeren Fristen bei den Kontoabschlüssen
sowie einer verbesserten Finanzmarktkommunikation zu profitieren.
Das Projekt IFRS für KMU könnte ebenfalls eine Gelegenheit sein, über die Vereinfachung von rechtlichen und steuerlichen Bestimmungen nachzudenken.
Einfachere Steuerregeln wären eine wichtige Weichenstellung für eine Verminderung von Verwaltungslasten. Eine Untersuchung der Europäischen
Kommission hat deutlich gezeigt, dass Unternehmen einen einheitlichen Ansatz für die Versteuerung von Erträgen und eine einzige Anlaufstelle
für die Umsatzsteuer wünschen. Laut Europäischer Kommission ist eine einheitliche Besteuerungsgrundlage erstrebenswert. Es soll die Möglichkeit
eines Ausgleichs von Gewinnen und Verlusten geschaffen sowie das Problem der Transferkosten reduziert werden. Die Kommission geht davon aus, dass
es ohne gemeinschaftliche Rechnungslegungspflichten in den Mitgliedsstaaten unmöglich ist, eine Verbindung zwischen Rechnungslegungspflichten
und Steuerregeln herzustellen.
Die IFRS-Standards für KMU sind ein Instrument, das durch eine gemeinsame Sprache dazu beitragen kann, eine Steuerbemessungsgrundlage festzulegen.
Die Staaten könnten einige Standards oder Elemente derselben aufgreifen und als Besteuerungsgrundlage heranziehen.
Schlussfolgerung
Das neue Rechnungslegungsrecht wird für kleine und mittlere Unternehmen Umstellungen bedeuten, vor allem im Hinblick auf Jahresabschlüsse
und Pflichtinformationen. Der Gesetzesentwurf sieht vor, dass die Rechnungslegung und die Buchhaltung den Teilhabern ein genaues Bild der
Vermögens-, Finanz- und Ertragslage geben müssen. Es soll daraus ersichtlich werden, ob das eingesetzte Kapital produktiv und sicher angelegt
wurde. Die Rechnungslegung und die Buchhaltung sind für den Staat von Interesse (für Steuerentscheidungen und die Erhebung von Sozialabgaben).
Auch für die Ermittlungsbehörden können diese Informationen relevant sein. Die unterschiedlichen Adressaten der Jahresabschlüsse sind zwar einerseits
an unterschiedlichen Informationen interessiert, andererseits benötigen sie alle glaubwürdige und genaue Angaben, um sich eine auf Fakten basierende
Meinung zur wirtschaftlichen Lage eines Unternehmens bilden zu können.
Die IFRS kommen definitiv auf die KMU zu. Selbst wenn man ihnen kritisch gegenübersteht, ist eine intensive Auseinandersetzung mit ihnen vonnöten,
um zu überprüfen, ob IFRS Vorteile für das eigene Unternehmen bieten. Vor allem jedoch sollte ein aktiver Beitrag zu deren künftigen Verbesserungen
geleistet werden.
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