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Entrepreneur News November 2009

 

Liquidität freisetzen durch Bewirtschaftung des Working Capital

Thomas Lüthi, Senior Manager, EY Accounting Services AG,
thomas.luethi@ch.ey.com
Christoph Trachsel, Manager, EY Accounting Services AG,
christoph.trachsel@ch.ey.com

 

Die flüssigen (unmittelbar verfügbaren) Mittel sind für ein Unternehmen ebenso wichtig, wie Sauerstoff für den Menschen. Reichen die flüssigen Mittel nicht aus, um alle fälligen Verpflichtungen termingerecht zu bedienen – sei es für Löhne, Lieferantenrechnungen, Mieten, Steuern etc. – besteht Zahlungsunfähigkeit oder Illiquidität. Ist die Illiquidität eines Unternehmens von Dauer, kann dies zum Konkurs oder Vergleich führen. Gerade die derzeitige Wirtschaftskrise beweist, dass dem Management des Netto-Umlaufvermögens (Net Working Capital) sowie der Liquiditätsplanung eine überlebenswichtige Funktion zukommt.

 

Definition Net Working Capital

Das Nettoumlaufvermögen, im Englischen als Net Working Capital (NWC) bezeichnet, ist definiert als die Differenz zwischen Umlaufvermögen und kurzfristigem Fremdkapital. In der Praxis wird der gleiche Begriff oft verwendet als Summe aus Forderungen und Vorräten abzüglich kurzfristigen Verbindlichkeiten. Andere berücksichtigen ebenfalls die aktiven und passiven Rechnungsabgrenzungen im NWC. Die zweckmässigere Auswahl der Bezugsgrösse ist situativ festzustellen. Zur Beurteilung der Effizienz des Working Capital Managements ist eine Bezugsgrösse ohne Liquide Mittel und kurzfristigen Finanzverbindlichkeiten zu wählen.

Ein aktives Working Capital Management hilft, liquide Mittel freizusetzen, um das Risiko einer Illiquidität zu reduzieren.

Diese Bewirtschaftung umfasst folgende Gebiete:

 

Debitoren-Management

Im Debitoren-Management geht es darum, den Bestand an offenen Forderungen möglichst gering zu halten und sicherzustellen, dass die offenen Forderungen pünktlich bezahlt werden und nicht in Debitoren-Ausfällen resultieren. Grundsätzlich wird das Risiko eines Forderungsausfalles grösser, je länger eine Forderung offen ist. Es kann gefährlich sein, sich auf die guten Erfahrungen bezüglich Zahlungsverhalten eines langjährigen Kunden zu verlassen. Hat unser Kunde sein Working Capital Management nicht im Griff, kann auch ihm die Illiquidität drohen, wodurch unsere Forderung aufgrund der Einteilung in der dritten Gläubigerklasse (SchKG Art. 219) gefährdet wird.

Nachfolgende Aktivitäten und Massnahmen können eingeleitet werden, um den Forderungsbestand zu reduzieren:

  • Verkauf gegen Vorauszahlung (allenfalls mit Skonti); insbesondere bei Neukunden
  • Bonitätsprüfung, bevor auf Kredit verkauft wird; Banken geben vor der Prüfung der finanziellen Verhältnisse auch keinen Kredit
  • Einrichten von Kreditlimiten mit automatischem Lieferstopp
  • Einfordern von Garantien (z.B. Bankgarantie, evtl. eines solventen Hauptauftraggebers); erhält der Kunde keine Bankgarantie, bedeutet dies, dass er über keine ausreichend verfügbaren Kreditlimiten verfügt
  • Vereinbarung von möglichst kurzen Zahlungsfristen; Anreize schaffen indem Skonto gewährt wird
  • Analyse der Einhaltung der Zahlungsfristen und Beobachtung der Veränderung des Zahlungsverhaltens um festzustellen, wo (in welchem Land, Kundensegment, einzelner Kunde) ein potentielles Zahlungsproblem besteht
  • Frühzeitiges Mahnen; es gibt verschiedene Arten von Mahnen. Deren Anwendung hängt einerseits von der Unternehmensphilosophie als auch von der Anzahl und Höhe der fälligen Forderungen sowie den verfügbaren Ressourcen ab. Meist wird der Gläubiger, der sich intensiv und hartnäckig um die Einforderung bemüht, schneller mit der Bezahlung «belohnt» als derjenige, welcher geduldig auf die Bezahlung wartet
    • Schriftliche Mahnungen sollten früh nach Verfall geschickt werden und keine zu langen zusätzlichen Zahlungsfristen enthalten
    • Mündliche Mahnungen gelten oft als effektiver, da man direkt mit den Finanz-Verantwortlichen spricht und diesen einen Zahlungstermin entlocken kann
  • Rasche Abwicklung von Beanstandungen; Hält ein Kunde die Zahlung einer Forderung infolge einer Beanstandung zurück, kann es oft von Vorteil sein, im Sinne einer schnellen Zahlung auf das Festhalten an der Maximalforderung zu verzichten. Je länger eine Beanstandung offen bleibt, desto grösser wird das Risiko, dass man sich an die effektive Situation nicht mehr umfassend erinnert oder involvierte Mitarbeiter eine Firma verlassen, wodurch Sachverhaltswissen oder allenfalls mündliche Zusagen verloren gehen. Je mehr Zeit verstreicht desto mehr muss in der Regel derjenige einbüssen, der Forderungen stellt; es sei denn er kann diese beweisen
  • Factoring (Abtretung von Forderungen)
  • Abschluss einer Kreditversicherung
 

Vorrats-Management

Wie bei den Debitoren geht es auch bei den Vorräten darum, deren Bestand möglichst tief zu halten, allerdings ohne den Produktionsprozess oder die Lieferbereitschaft zu beeinträchtigen. Je tiefer der Lagerbestand desto herausfordernder wird in der Regel die Logistik-Planung und die Auswahl der Lieferanten. Bei der Automobil-Herstellung z.B. wird teilweise am Morgen angeliefert, was am Nachmittag oder am nächsten Tag verarbeitet wird. Aber auch in kleineren Betrieben lassen sich die Lagerbestände optimieren:

  • Laufende Überprüfung der notwendigen Mindestbestände
  • Überprüfung der Mindestbestellmengen
  • Überprüfen allfälliger Zwischenlager
  • Abverkauf von «Langsamdrehern»
  • Straffung des Vorratssortiments
  • Zusammenführung verschiedener Lager
  • Vorräte in Kommission
  • Kanban
  • Outsourcing anstelle von Eigenfertigung
 

Kreditoren-Management

Bei den Kreditoren verhält es sich gegensätzlich zu den Debitoren. Ziel ist, den Kreditorenbestand möglichst hoch zu halten, um den Liquiditätsspielraum zu erweitern. Fällige Rechnungen nicht zu bezahlen ist dennoch ein schlechtes Mittel. Fortlaufend zu spätes Bezahlen kann zu einer schlechten Bonität führen und dazu, dass Lieferanten nur noch gegen Vorauszahlung liefern wollen. Dennoch lassen sich die Kreditorenbestände steuern:

  • Krediteinkauf wo immer möglich
  • Vereinbarung von möglichst langen Zahlungsfristen
  • Zahlung erst per Fälligkeit (Skonti sollten wenn möglich trotzdem genützt werden, da diese in der Regel sehr hohe Jahreszinsen aufweisen). Es gilt abzuwägen, welches Interesse (Ergebnis oder Liquidität) höher gewichtet wird.
 

Aktive und Passive Rechnungsabgrenzung

Abgrenzungspositionen sind meist weniger wesentlich als die vorstehenden Bereiche und lassen sich liquiditätsmässig weniger leicht steuern. Der Einbezug von Abgrenzungspositionen hängt auch von der Ausgestaltung des Rechnungswesens ab (wird die SUVA als Kontokorrent geführt oder resultiert eine jährliche Vorauszahlung in einer aktiven Rechnungsabgrenzung). Dennoch gibt es auch hier Handlungsmöglichkeiten:

  • Reduktion der Vorauszahlungsmonate (z.B. Miete)
  • Vereinbarung von Teilzahlungen (z.B. Versicherung, Pensionskasse, SUVA)
  • 13 Monatsgehälter anstelle von 12
  • Bonus-Regelungen (Auszahlungszeitpunkt/Liquiditätsklausel)
 

Liquiditätsplanung

Ein weiteres wichtiges Controlling-Instrument ist die Liquiditätsplanung, bei der die erwarteten Geldflüsse im Zeithorizont abgebildet werden und die den Bestand der flüssigen Mittel am Ende der Messperiode zeigt. Die Genauigkeit sinkt je länger der Zeithorizont ist. Die Liquiditätsplanung berücksichtigt nicht nur Geldzuflüsse aus Kundenforderungen und Abflüsse für Löhne und Lieferantenzahlungen, sondern auch Geldflüsse der Investitionstätigkeit, der Bedienung von Banken und Aktionären oder die Aufnahme von Geldern. Bei einer sorgfältigen, mehrere Monate umfassenden Liquiditätsplanung lassen sich Lücken frühzeitig erkennen, sodass Massnahmen eingeleitet werden können.

 

Kennzahlen

Kennzahlen unterstützen die Situations-Analyse, zeigen Veränderungen auf und liefern Warnsignale, wo das Working Capital Management intensiviert werden muss. Gängige Kennzahlen zur Messung der Effizienz des Working Capital Management sind NWC, NWC-Umschlag, Debitorenumschlag, Ø Debitoren-Zahlungsfrist, Lagerumschlag, Lagerdauer, Kreditorenumschlag, Ø Kreditfrist, Cash-, Quick- und Current-Ratio.

 

Zusammenfassung

Die aktuelle Situation vieler Unternehmungen zeigt, dass gerade in unsicheren Zeiten wie diesen ein griffiges Working Capital Management und eine sorgfältige Planung der Liquidität von hoher Bedeutung sind. Die Zahlungsunfähigkeit von Kunden, gepaart mit einer restriktiveren Kreditpolitik der Banken, kann schnell zur Zahlungsunfähigkeit der eigenen Unternehmung führen. Diese ist selbst dann vernichtend, wenn die Auftragslage ein Überleben möglich machen würde.

Eine frühzeitige und zielgerichtete Kommunikation mit Stakeholdern (z.B. Banken bei Risiko auf Covenant-Verletzungen) schafft Vertrauen und eröffnet Möglichkeiten, angespannte Situationen zu entschärfen.

Um das Risiko der Illiquidität bestmöglich zu reduzieren, gehört es zu den Aufga ben der höchsten Führungsebene, die Liquidität sowie die Effektivität des Working Capital Managements zu überwachen.

 

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